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Fehlstart ins Leben

Viele Wege führen in die Verlassenheit

Ihre Zahl kennt niemand: Überall auf der Welt leben Kinder auf sich gestellt, ohne den Schutz der Familie, ohne ein Zuhause. Die Wege, die in die Verlassenheit führen können, sind zahllos: Kinder verlieren ihere Eltern durch Krankheit oder Krieg. Familien werden auf der Flucht auseinandergerissen. Kinder verlassen ihr Zuhause, um den Schlägen und der Hoffnungslosigkeit zu entkommen, und landen bettelnd auf der Straße. Eltern glauben den falschen Versprechungen von Schleppern und schicken ihre Kinder fort, in der Hoffnung auf eine gute Ausbildung.

Wanderschaft ins Unglück

In Westafrika gehört es zu den regionalen Traditionen, dass Kinder und Jugendliche sich auf die Reise begeben, um Geld für sich und ihre Familien zu verdienen. Jungen verlassen ihre Dörfer in Mali oder Burkina Faso und ziehen in die Städte oder über die Grenze in die benachbarte Elfenbeinküste, wo sie auf Arbeit in den Baumwoll– oder Kakaoplantagen hoffen. Diese Wanderjahre gelten als wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben: Die Kinder üben Verantwortung und Disziplin, sie lernen das Arbeitsleben kennen und gewinnen Respekt und Selbstvertrauen. bis zu ihrer Rückkehr haben sie genug angespart, um sich ein Fahrrad zu leisten oder sogar die Hochzeit.

Doch viele dieser Kinder kehren nicht zurück. Aus der Tradition hat sich ein Geschäft entwickelt, das oft mit krimineller Energie betrieben wird. Schlepper fangen die Kinder gezielt an Busbahnhöfen ab, versprechen ihnen gute Jobs und den kostenlosen Transport zur Arbeitsstelle. Das Geschäft ist grenzüberschreitend organisiert: Zollbeamte werden geschmiert, Zwischenhändler übernehmen die lebende Ware und sorgen für den Weitertransport. Tausende Kilometer entfernt von zu Hause finden sich die verstörten Kinder in Arbeitsverhältnissen wieder, die ihnen alle Rechte rauben: Auf den Plantagen werden sie zu härtester Arbeit gezwungen und rund um die Uhr bewacht; jeder Fluchtversuch wird brutal bestraft. Mädchen werden quer durch den Golf von Guinea verschifft und landen als Hausmädchen in Nigeria oder Gabun, wo sie in völliger Isolation jahrelang festgehalten werden—ohne Chance, Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen.

Diese Kinder sind verlassen. Selbst die wenigen, denen die Flucht gelingt und die den Weg zurück finden, trauen sich nicht heim, weil sie nach Jahren mit leeren Taschen zurückkehren würden. Ohne Unterstützung wird es diesen Kindern nicht gelingen, die Verlassenheit zu überwinden und in die Gemeinschaft zurückzukehren. Im Rahmen seiner Internationalen Kampagne gegen Kinderhandel setzt sich terre des hommes daher gemeinsam mit seinen Parnern in Westafrika dafür ein, Kinder vor dieser Erfahrung zu schützen und Betroffenen den Rückweg zu ermöglichen. Informationsprogramme machen die Eltern auf die Gefahren aufmerksam, die ihren kindern drohen können, und Kinder werden in Zusammenarbeit mit den Behörden aus ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen befreit und nach Hause begleitet.

Geld ersetzt keine Liebe

Westafrika ist weit. Doch das Muster, das Kinder zu verlassenen Kindern macht, ist auch in Europa gültig: So werden zum Beispeil tausende Kinder aus Albanien nach Griechenland geschaffte, um dort für organisierte banden zu betteln und zu stehlen. >>Sie hatten uns versprochen, wir würden leben wie die Könige<<, erzählt der zwölfjährige Sali, >>stattdessen wurden wir eingesperrt und bekamen jeden Tag Schläge.<<

Auch in Deutschland leben Minderjähringe auf der Straße. Uwe Britten, Fachautor und terre des hommes-Mitglied, geht nach einer Untersuchung davon aus, dass pro Jahr rund 9.000 Kinder und Jugendliche von hilfeeinrichtungen betreut werden. Auch hier gehören Vernachlässigung, Gewalt und sexueller Missbrauch zu den häufigsten Ursachen; oft fehlt aber auch einfach die Zuwendung, die ein Kind zum Leben braucht. Es vereinsamt inmitten seiner Familie. >>Geld kann man eben nicht nur nicht essen, es ersetzt auch keine liebe<<, erklärt Uwe Britten: >>Wer wegläuft, der sucht.<< Auf der Straße hoffen die Kinder das zu finden, was ihnen in der Familie vorentlalten wird: Gemeinschaft, Respekt, menschliche Nähe.

Starke Mädchen

In den Ländern Osteuropas und der Dritten Welt ist es dagegen in den meisten Fällen die Armut, die dazu führt, dass Kinder schutzlos auf der Straße leben. Dennoch lohnt es sich, auch hier genauer hinzuschauen, um die vielfältigen Ursachen zu erfassen. Die Pädagogen des terre des hommes-Projekts Oqhariquna in Bolivien haben untersucht, aus welchen Gründen Mädchen auf der Straße landen. Der Zusammenbruch der familiären Strukturen, so stellte sich heraus, trägt dazu in besonderem Maße bei. Die traditionelle Großfamilie, die auch ein soziales Sicherungsnetz bot, existiert bestenfalls noch in ländlichen Regionen.

>>Die Zahl der Familien, die sich auflösen, der allein erziehenden Mütter, die Stiefelternproblematik etc. nimmt zu<<, heißt es in der Studie. Dieser Verlust von familiärem Zusammenhalt trägt dazu bei, dass Konflikte innerhalb der Familien zunehmend mit Gewalt ausgetragen werden. Viele Mädchen flüchten vor Gewalt und sexuellem Missbruach auf die Straße. Dabei zeigt sich, dass auch in einem armen Land wie Bolivien nicht allein die Armut die Kinder in die Verlassenheit treibt. Auch in Mittelschichtsfamilien ist die Gewalt gegen Kinder verbreitet, und oft bleiben die Mütter passiv gegenüber sexuellen Angriffen auf Kinder. >>Ich have es meiner Mutter erzählt<<, erzählt eines der befragten Mädchen, >>aber die sagte mir, ich solle es nur ja keinem sagen. Und als er wieder kam, um mich zu missbrauchen, da hat sie die Tür zugemacht, so als würde nichts geschehen.<< In 80 Prozent der untersuchten Fälle war sexueller Missbrauch der Auslöser, die Fmilien zu verlassen und auf die Straße zu fliehen.

Traum von Freiheit

Verblüfft waren die Pädagogen über die Beobachtung, dass es besonders starke Mädchen sind, die auf der Straße landen: Nämlich diejenigen, die den Mut haben, vor der sexuellen Gewalt zu fliehen, statt sie still zu erdulden. Dass die Straße als Ausweg gesucht wird, liegt einerseits an der fehlenden Alternative, aber auch an der Hoffnung auf eine neue Freiheit.

Die Straße wird als städtischer >>Urwald<< gesehen, in dem die Starken ein Chance haben zu überleben. Leider wird auch diese Erwartung oft enttäuscht—gerade Mädchen und junge Frauen finden auf der Straße häfig nur das wieder, wovor sie geflohen sind: Gewalt, Demütigung und sexuellen Missbrauch.

In Mittelamerika ist es ein anderer Traum, der Familien auseinander reißt: der amerikanische Traum. Eltern machen sich auf den Weg in die USA, um dort als illegale Arbeitskräfte ein paar Dollar zu verdienen. Oft haben sie die trügerische Hoffnung, ihre Kinder zu sich holen zu können, wenn sie in den Vereinigten Staaten Arbeit und Unterkunft gefunden haben. Tatsächlich werden immer mehr Kinder von Schleppern—sogenannten >>Koyoten<<—in die USA geschleust, wofür bis zu 10.000 USDollar gezahlt werden. Die Kinder reisen als >>indocumentados<<, also ohne Papiere. Werden die Gruppen von der mexikanischen oder guatemaltekischen Polizei aufgegriffen, endet die Reise für die Kinder in staatlichen Heimen. Oft werden die Kinder auch von den Schleppern im Stich gelassen; sie finden sich wieder in einer unbekannten Umgebung, weit weg von zu Hause und ohne Chance, ihre Eltern zu erreichen.

Nur geduldet

Armutsmigration, aber auch Krieg, Flucht und Vertreibung sind millionenfach die ursache dafür, dass Kinder auf sich allein gestellt sind. Ob in Kolumbien, im Sudan oder in Burma—unter den Flüchtlingen und Binnenvertriebenen sind zahllose verlassene Kinder, die auf der Flucht von ihren Familien getrennt wurden oder den Tod ihrer Eltern erleben mussten.

In Burma hat der Bürgerkrieg hunderttausende Menschenleben gekostet. Eine Million Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht; rund 300.000 Flüchtlinge haben Burma verlassen—die meisten von ihnen ins benachbarte Thailand. Niemand weiß, wie biele unbegleitete Minderjährige unter den Flüchtlingen sind. In Thailand werden sie nur gedduldet und haben eingeschränkte Rechte: So haben die Kinder keinen Anspruch auf Schulunterricht. Um ihnen dennoch eine Perspektive zu beiten, wurden mit Unterstützung von terre des hommmes nahe der burmesischen Grenze ein kindergarten und zwei Schulen gegründet, in denen rund 1.300 Kinder betreut und unterrichtet werden. Kinder ohne Eltern können in der Schule leben und lernen; in der angeschlossenen Tempelschule werden ältere Kinder zu buddhistischen Novizen ausgebildet.

Verlassenen Kinder sind auf Hilfsprogramme wie dieses angewiesen. Mit Straßenkinderzentren, Schulen für Flüchtlingskinder oder hilfen für Kinder, deren Eltern an AIDS gestorben sind, bietet terre des hommes betroffenen Kindern vielfache Unterstützung. Ebenso wichtig ist die Prävention: Mit Aufklärungskampagnen werden Eltern über mögliche Gefahren für ihre Kinder informiert. Einkommensprogramme verhindern, dass Familien durch landflucht oder Wanderarbeit auseinander brechen. Kindertagesstätten bieten allein erziehenden Industriearbeiterinnen die Chance, ihrer Arbeit nachzugehen—ohne Angst, ihre Kinder könnten auf der Straße unter die Räder kommen.

 

Source: www.tdh.de


A False Start In Life

Many Paths Lead To Child Neglect

No one knows their number. All over the world, children are forced to get by on their own without a home and without the protection of family. Innumerable circumstances have left these children alone and neglected. Parents have been lost to disease or war. Fleeing families have been torn apart. Children have run away to escape the bruises and hopelessness of home only to end up as beggars in the streets. Parents, listening to the empty promises made by smugglers, send their children away in the hopes that they will get a good education.

Journey Into Despair

In West Africa, regional traditions demand that children journey out into the real world to earn money for their families. Children from Mali or Burkina Faso leave their villages and move to the cities or over the border to the neighboring Ivory Coast, where they hope to find work on a cocoa or cotton plantation. These years away from home are seen as an important step toward adulthood, when children learn the true meaning of responsibility and discipline. They learn what it is to work and earn respect and self-confidence. By the time they return home, they've saved up enough for a bike and even a wedding.

However, many of these children do not return home. Tradition has developed into a business often run by crime. Smugglers entice children on their way to the train station with the promise of a good job and free transportation to their new workplace. The business has become a sort of organization across borders, with customs officers being bought off and middlemen receiving the "live goods" at the border and ensuring that they are transported further. Now thousands of miles from home, the children find themselves disoriented and once again in workings conditions depriving them of all rights. They are forced to do the hardest of labor and watched around the clock, with any attempt at running away is met with brutal punishment. Girls are shipped all the way through the Gulf of Guinea to end up as houseservants in Nigeria or Gabon, where they will live for years in complete isolation without contact with their families.

These children are neglected, and even those few who manage to escape and find their way back, are afraid to return home with empty pockets after so many years. Without support, these children will never manage to overcome this neglect and return to their communities. That's why the International Federation Terre des Hommes works with its partners in West Africa within the framework of its International Campaign against Child Trafficking to protect children from such an experience and to make it possible for them to return to their homes. Informational programs raise parents' awareness of the dangers that their children face, and with the cooperation of authorities, children are freed from exploitative working conditions and escorted home.

Money Doesn't Replace Love

West Africa is far away, and yet, the same pattern of child neglect exists in Europe. For example, thousands of Albanian children are taken to Greece to work as beggars or thieves for organized criminal bands. Twelve-year-old Sali tells of having been promised that "we would live like kings, but instead, we were locked up and beaten every day."

Germany too has children living on the streets. According to the investigations of Uwe Britten, author specializing in the situation of street children in Germany and member of Terre des Hommes, approximately 9,000 children and adolescents are taken into the care of help centers each year. Even here, the majority of cases involve neglect, violence and sexual abuse. Often, it's just a matter of not receiving the love and care that any child needs in order to live; they've come to feel increasingly lonely within their own families. "Money can't be eaten and it can't buy love either." Britten explains that "those who run away are looking for something." On the streets, children hope to find, what they aren't getting at home: a feeling of togetherness, respect and human company.

Strong Girls

In Eastern European and Third World countries, it is poverty that's causing children to live without protection on the streets. Taking a closer look at their situation helps to understand to the various reasons children end up there. The educators of the Terre des Hommes' project Oqhariquna have examined these reasons and found that it is the break up of the traditional family structure which plays the largest role. The traditionally large families, which once provided a sort of security net, have only continued to exist in some of country's rural areas.

According to the study, "there has been an increase in the number of broken families, single mothers, problems with step-parents, etc." This break-up of the family structure is what frequently results in conflicts within the family which often involve violence. To escape this violence and sexual abuse, many girls turn to life on the streets, proving that it is not poverty alone that is causing children in poor countries like Bolivia to be neglected. Such violence against children is common even in middle-class families. In cases of sexual abuse, mothers often remain passive. "I told my mother about it, but she told me I shouldn't tell anyone," recounts a girl when interviewed. "And when he came to abuse me again, my mother just shut the door and acted as if nothing were happening." In 80 percent of the cases studied, sexual abuse was what triggered girls to run away from home and head to the streets.

The Dream of Freedom

Educators were shocked to find that it is the particularly strong girls who end up on the streets. These girls have had the courage to run away from sexual violence instead of putting up with it. They turn to the streets partly because of the lack of alternative options and partly in the hopes a renewed sense of freedom.

Girls and young women see the streets as an "urban jungle" promising the strong ones a chance at survival. Unfortunately, once on the streets, their dreams are often shattered, when they find themselves in the same situations that they originally sought to escape: violence, humiliation and sexual abuse.

In Central America, a different dream is tearing families apart: the American dream. Parents make their way into the United States to make a few dollars as illegal workers. They often have the false hope of being able to return for their children once they've found work and housing in the US. In reality, more and more children are being abducted by the so-called "coyotes" and snuck into the US, where they will be sold for up to 10,000 dollars. The children travel without papers as "indocumentados," and if caught by the Mexican or Guatemalan police, they end up in state homes. Often, the children are also deserted by the abductors. Once again, the children find themselves disoriented, far from home, and without a way to contact their parents.

Merely Tolerated

Migration motivated by poverty, as well as war and expulsion, are the main reasons that children are left to fend for themselves. Whether in Columbia, Sudan or Burma, among these refugees are countless children who have been separated from their families or who have witnessed the death of their parents.

In Burma, the civil war resulted in the loss of some 100,000 lives. One million people were displaced within the country and some 300,000 fled Burma all-together. The majority of these refugees fled to neighboring Thailand. No one knows how many unaccompanied children were among them. In Thailand, these children are simply tolerated and are not given very many rights such as the right to an education. The support of Terre des Hommes has established a kindergarten and two schools near the border with Burma in order to give these children some sort of hope in the future. Here, the approximately 1,300 children live and receive an education. In the attached temple school, the older children are trained as Buddhist novices.

Neglected children are often directed to such child aid programs. By providing centers for street children, schools for refugee children or aid to children whose parents have died of AIDS, Terre des Hommes gives neglected children unlimited support. Because prevention is just as important, campaigns are organized to inform parents of the dangers their children face. Programs for incoming families prevent their break-up due to migration to the cities or migratory labor. Daycare centers offer single mothers working in factories the opportunity to keep their jobs without worrying about their children being lost to the streets.